Extrawurst: Wenn die Rindswurst zur Weltanschauung wird

Es gibt einen Film, der hätte auch bei uns gedreht werden können. „Extrawurst“, mit Hape Kerkeling als Vereinsvorsitzendem Heribert, Christoph Maria Herbst als hippem Werbetexter und Fahri Yardim als Erol, der eigentlich nur Deutsch sein möchte. Schauplatz: ein beschaulicher Tennisverein. Anlass: die Jahreshauptversammlung. Tagesordnung: Sommerfest, Routine, Formsache, Hände hoch, Prost.

Bis jemand die Frage stellt, ob man für das einzige muslimische Mitglied nicht einen zweiten Grill anschaffen sollte – damit dessen Rindswürstchen nicht mit Schweinefleisch in Berührung kommen. Gut gemeint. Und schon bricht der Kulturkampf aus. Plötzlich geht es nicht mehr um Fleisch, sondern um Identität, Zugehörigkeit, Haltung, Moral – und darum, wer hier eigentlich dazugehört. Mit einer Ernsthaftigkeit, als hinge der Weltfrieden an der Wurst.

Bei uns geht es seit 50 Jahren um die Wurst

Und genau da kommen wir vom TCB ins Spiel. Denn auch beim Tennis International Turnier geht es seit nunmehr 50 Jahren um die Wurst. Genauer: um die Rindswurst. Gebrüht, nicht gegrillt. Tradition, seit es das Turnier gibt. Wer schon einmal während des Turniers durch unser Vereinsgelände geschlendert ist, kennt das Ritual, kennt die kleine, stille Genugtuung, mit der man sich zwischen zwei Matches an der Theke anstellt.
Und das Schöne: Den zweiten Grill brauchen wir gar nicht. Das Drama aus „Extrawurst“ findet bei uns nicht statt. Rindswurst passt – nun ja, fast – allen.

Gebrüht, nicht gegrillt

Denn natürlich haben auch wir unsere kleinen Glaubenskämpfe. Da sind zunächst die Traditionalisten, für die feststeht: Die Rindswurst kommt aus dem Boiler. Punkt. So war es immer, so bleibt es. Wer zu dieser ehrwürdigen Fraktion gehört, weiß, dass eine echte Rindswurst keine Röststreifen braucht. Sie braucht Senf. Und ein Brötchen. Und vielleicht ein Bier. Mehr ist nicht nötig – und auch nicht gewünscht.

Dann gibt es die Grill- und Steakfraktion. Sie schaut auf den Boiler und denkt: Schade um die schönen Röstaromen. Sie hätte gerne eine Bratwurst. Oder gleich ein ordentliches Steak. Mit Kruste, mit dem zufriedenen Brutzeln, das bei einem Boiler nun einmal ausbleibt. Es gibt gute Argumente für diese Position. Doch würden sie sich während des ganzen Turniers an den Grill stellen? Die Traditionalisten winken ab.

Und schließlich die Veganer:innen. Bewusst gegendert, Ja, auch sie haben wir im Verein und als Besucher – und das ist auch gut so. Sie schauen sowohl Boiler als auch Grill mit milder Distanz an und hätten gerne etwas, das nicht muht, nicht grunzt und nicht gackert. Wenn die drei Fraktionen sich einmal an einem Tisch zusammenfinden, ist das übrigens ein schöneres Bild, als jede Vereinssatzung es je beschreiben könnte.

Paella, hessische Tapas und ein Hauch Internationalität

Apropos Vielfalt: Wer in diesem Jubiläumsjahr zu uns kommt, wird ohnehin merken, dass das Turnier längst weiter denkt als bis zum Boiler. Am Donnerstag gibt es Paella – damit auch die internationalen Gäste sich ein bisschen wie zu Hause fühlen. Am Freitag und am ganzen Wochenende dann hessische Tapas – sozusagen die diplomatische Lösung zwischen Weltläufigkeit und Heimatgefühl. Und ja, die Rindswurst bleibt natürlich da, wo sie hingehört: im Boiler. Tradition und Tapas schließen einander schließlich nicht aus. Im Gegenteil.

Was die Jahreshauptversammlung damit zu tun hat

Wer schon einmal eine Jahreshauptversammlung mitgemacht hat, erkennt die Muster aus dem Film sofort wieder. Den Vorsitzenden, der die Sitzung in gewohnter Routine herunterspielen möchte. Den Vorstand, den manche Frage aus dem Plenum eher nervt als freut. Und die Querulanten aus der letzten Reihe, die zuverlässig dann das Mikrofon übernehmen, wenn alle dachten, gleich ist Schluss.

Was bleibt nach dem Film – und nach 50 Jahren Turnier

Wir leben in einer Zeit, in der jedes Wort, jede Geste, jeder Tweet auf die Goldwaage gelegt wird. Christoph Maria Herbst hat es in einem Interview schön zusammengefasst: „Wenn wir uns alle etwas weniger ernst nehmen würden, wäre schon viel gewonnen.“ Und Hape Kerkeling sagt im Film: „Wer Hass sät, wird ernten, was er sät.“ Schmeckt bekanntlich niemandem – nicht mal mit Extra-Senf.

50 Jahre Tennis International Turnier – das ist ein halbes Jahrhundert Tradition, Sport, Begegnung und ja, auch Rindswurst. Es ist ein halbes Jahrhundert, in dem aus Gegnerinnen Bekannte und aus Bekannten Freundinnen wurden. In dem Spielerinnen aus aller Welt zu uns nach Darmstadt gekommen sind, gewohnt, gegessen, gelacht haben. Und in dem es eben nicht darum ging, wer hier dazugehört, sondern dass alle dazugehören, die Lust auf gutes Tennis und gute Gesellschaft haben.

Bleiben wir gelassen. Hinterfragen wir unsere Vorurteile. Gehen wir aufeinander zu. Schließen wir Kompromisse – auch zwischen Boiler, Grill und Pflanzenpfanne. Und wenn wir uns mal nicht einig sind, dann gehen wir zur Theke.

Da gibt es Rindswurst. Seit 50 Jahren. Und hoffentlich noch lange.

(Stefan Pfeiffer)