20:18 – ein Tiebreak für die Ewigkeit: Nastasja Schunk gewinnt Jubiläumsturnier
Nastasja Schunk (GER) gegen Irene Burillo (ESP)
5:7, 6:0, 7:6 (Match-Tiebreak 20:18)
Nastasja Schunk gewinnt das Finale der 50. Auflage gegen Irene Burillo
Es sollte das Finale werden, das zur Jubiläumsauflage passt – und die beiden Endspielteilnehmerinnen lieferten mehr, als sich Ausrichter und Publikum hatten erträumen können. Nach 5:7, 6:0 und einem an Dramatik kaum zu überbietenden 7:6 setzte sich die 22 Jahre alte Deutsche Nastasja Mariana Schunk (WTA 457) im Finale des 50. Tennis International gegen die Spanierin Irene Burillo (WTA 272) durch. Den Ausschlag gab ein Match-Tiebreak im dritten Satz, der mit 20:18 endete und damit zu den längsten Entscheidungen zählt, die auf der Anlage des TC Bessungen je gespielt wurden. Nastasja Schunk ist nach Laura Siegemund und Tamara Korpatsch nun die dritte deutsche Siegerin und schreibt damit nicht nur Turniergeschichte.

19.07.2026, Tennis International 2026, Darmstadt
German, Masters, Series, Damen
Finale: Nastasja Schunk (GER)
Foto: Herbert Krmer
Beide Finalistinnen hatten sich ihren Weg auf dem Mercedes Benz Centre Court hinter der Rennbahn in Bessungen hart erarbeitet. Schunk bezwang im Viertelfinale die Erstgesetzte Serena Janičijević glatt in zwei Sätzen und traf im Halbfinale auf Francesca Curmi aus Malta – die Finalistin des vergangenen Jahres, die sich diesmal mit zwei Sätzen Rückstand geschlagen geben musste. Burillo setzte sich ihrerseits im Viertelfinale gegen Ariana Herrero Linana durch und ließ im Halbfinale der zweiten deutschen Hoffnung Tessa Brockmann keine Chance. Zwei Spielerinnen also, die sich die ganze Woche über in bestechender Form präsentiert hatten – und die dem Finale des Jubiläumsturniers alle Ehre machten.
Der erste Satz begann so, wie er über weite Strecken bleiben sollte: eng, nervös und geprägt von einer Vielzahl an Breakchancen. Schon im zweiten Aufschlagspiel deutete sich an, dass beide Spielerinnen sich nichts schenken und zäh fighten würden: Schunk musste gleich mehrere Breakbälle abwehren, ehe sie sich zum Ausgleich durchsetzte. Auf dem Sandplatz wechselten in der Folge die Aufschlagspiele mehrfach den Besitzer, ohne dass eine der beiden Spielerinnen sich entscheidend absetzen konnte. Erst beim Stand von 5:5 gelang es Burillo, den entscheidenden Zugriff zu finden: Mit zwei starken Spielen in Serie sicherte sie sich Satz eins mit 7:5 und schickte damit ein erstes Ausrufezeichen in Richtung Nasti Schunk.
Während des ersten Satzes rief ihre Mutter Nasti zu: „Locker machen, locker bleiben. Keinen Kopf machen.“ Genau das beherzigte sie im zweiten Satz: die vollständige Kehrtwende. Schunk, die im ersten Durchgang noch um jeden Punkt hatte kämpfen müssen, fand praktisch aus dem Nichts zu ihrem besten Tennis zurück, das sie schon in den Partien zuvor gezeigt hatte. Sie nahm Burillo mehrfach in Serie den Aufschlag ab und brachte souverän ihre eigenen Aufschlagspiele durch. Am Ende stand ein glattes 6:0 – ein Satz, in dem Burillo keinem einzigen eigenen Aufschlagspiel ein Spiel abtrotzen konnte. Der Ausgleich zum Satzstand war damit auf denkbar deutliche Weise hergestellt, und alles deutete auf einen offenen, engen dritten Satz hin.
Und den bekamen die Zuschauerinnen und Zuschauer auf dem Centre Court auch – wenngleich in einer Dimension, die vermutlich niemand erwartet hatte. Auch der dritte Satz verlief zunächst nach dem Muster des ersten: Beide Spielerinnen breakten sich gegenseitig den Aufschlag, ohne dass es einer von beiden gelang, sich entscheidend abzusetzen. Bei 6:6 war klar: Die Entscheidung über Sieg und Niederlage im Finale der 50. Auflage würde erst im Match-Tiebreak fallen.
Was folgte, geht in die Annalen des Turniers ein. Burillo legte furios los und zog mit 4:0 davon – für einen Moment sah es nach einer schnellen Entscheidung zugunsten der Spanierin aus. Doch wie schon im Verlauf dieses Matchs und des Turniers kämpfte sich Schunk zurück, Punkt für Punkt, bis zum Ausgleich bei 6:6. Eine Mentalität der jungen Deutschen, die der der Spanierin in nichts nachstand – und das in ihrem jungen Alter.

19.07.2026, Tennis International 2026, Darmstadt
German, Masters, Series, Damen
Finale: Irene Burillo (ESP)
Foto: Herbert Krmer
Danach entwickelte sich ein Nervenkrieg, wie ihn selbst erfahrene Beobachterinnen und Beobachter des Turniers selten gesehen haben. Immer wieder ging eine der beiden Spielerinnen mit einem einzigen Punkt Vorsprung in Führung, immer wieder glich die jeweils andere postwendend aus. Burillo selbst kam zu vier Matchbällen – bei 6:7, 9:10, 10:11 und 16:17 aus ihrer Sicht –, die Schunk mit bemerkenswerter Nervenstärke und dem notwendigen Glück allesamt abwehrte. Auf der Gegenseite verlief es über weite Strecken nicht anders: Schunk ließ ihrerseits sieben Matchbälle liegen – bei 8:7, 9:8, 12:11, 13:12, 14:13, 15:14 und 18:17 – ehe sie beim achten, dem Stand von 19:18, den entscheidenden Punkt zum 20:18 verwandelte und damit das Finale für sich entschied. Der Centre Court in Bessungen bebte.
Ein Tiebreak mit elf Matchbällen in Summe, mit einem Zwischenstand von 4:0 für die spätere Verliererin und einem Schlussspurt, der keine der beiden Spielerinnen kampflos ziehen ließ – ein würdigerer Schlusspunkt für die 50. Auflage des Tennis International in Bessungen lässt sich kaum denken. Über das gesamte Match hinweg verwandelte Schunk 7 ihrer Breakchancen, Burillo 5; bei den Gesamtpunkten lag die Deutsche mit 117:103 vorn. Am Ende aber zählte nur die eine Zahl, die diesem Finale seinen Platz in der Turniergeschichte sichert: 20:18.
Ein Riesenkompliment an beide Spielerinnen, besonders auch an Irene Burillo, die sich als Laufwunder erwies – ich habe sie hier schon einmal als Duracell-Häschen bezeichnet, was in keiner Weise despektierlich gemeint war. Immer wieder erlief sie scheinbar sichere Bälle und brachte sie mit ihrer starken Vorhand zurück. Irene Burillo ist eine bemerkenswerte, faire und sympathische Sportlerin, die nach dem Match den verdienten Applaus des Darmstädter Publikums bekam. Das Match hat sie verloren, die Sympathie der Zuschauerinnen und Zuschauer im Sturm gewonnen.

19.07.2026, Tennis International 2026, Darmstadt
German, Masters, Series, Damen
Finale: Die Finalistinnen mit Turnierdirektor Roland Ohnacker
Foto: Herbert Krmer
Und für Nastasja Schunk geht es nun weiter. Nach ihrer Schulterverletzung und nach ihrem Abitur ist sie jetzt wieder auf Angriff gepolt und will in der Weltrangliste möglichst weit nach oben. Die spielerischen Fähigkeiten hat sie dazu. Vor allem zeigte sie in Bessungen eine Nervenstärke, die viele andere deutsche Spielerinnen so nicht demonstrieren konnten. Zu Beginn des Turniers haben wir auf den sehr kritischen Bericht von Thomas Klemm in der FAZ vom 28. Juni verwiesen, in dem er dem deutschen Damentennis kein gutes Zeugnis ausstellte. Nastasja Schunk hat – wenn sie gesund bleibt – das Potenzial, dieses Bild deutlich zu verbessern. Und wir erinnern uns: „Wer in Bessungen aufschlägt …“

19.07.2026, Tennis International 2026, Darmstadt
German, Masters, Series, Damen
Finale: Ballkinder nach dem Finale
Foto: Herbert Krmer
(spf)
Ein kleiner Kommentar und persönlicher Nachtrag
Ein kleiner Kommentar und persönlicher Nachtrag sei erlaubt: Es ist traurig, dass unsere Lokalzeitung, das Darmstädter Echo, es nicht für nötig befand, über das Turnier zu berichten – und das zum 50-jährigen Jubiläum des Turniers. Angeblich interessiere das niemanden. Das Publikum auf dem Centre Court zeigte das Gegenteil. Übrigens zu großen Teilen typische Leser des Echos. Hier zeigt sich leider wieder einmal, wie Lokalzeitungen versagen und die Verbindung zum Geschehen in ihrer Stadt verlieren und so immer irrelevanter werden. Als ehemaliger Lokaljournalist finde ich das nicht nur bedauerlich, ich finde es tragisch. Für unsere Demokratie brauchen wir Journalismus, der an den Bürgerinnen und Bürgern dran ist. Wenn das nicht mehr der Fall ist, hat unsere Demokratie ein Riesenproblem.
Stefan Pfeiffer




















