Stark und konzentriert zur Überraschung

Nastasja Schunk vs. Selena Janicijevic
7:6; 6:4

Die bislang größte Überraschung des Turniers ist perfekt: Nastasja Schunk, in der Weltrangliste auf Position 457 geführt, hat im Viertelfinale die topgesetzte Französin Selena Janicijevic (WTA-Rang 240) mit 7:6, 6:4 aus dem Turnier geworfen.

Dass Schunk zu solchen Erfolgen fähig ist, deutete sich früh an. 2021 erreichte die Linkshänderin als ungesetzte Spielerin das Juniorinnen-Finale in Wimbledon – ein Ausrufezeichen, das große Erwartungen weckte. Im August 2022 stand sie auf Platz 143 der Weltrangliste. Verletzungen bremsten ihre Karriere danach immer wieder aus, sodass ihr aktueller Rang eher eine Momentaufnahme als ein Maßstab für ihr Potenzial ist.

17.07.2026, Tennis International 2026, Darmstadt
German, Masters, Series, Damen
Nastasja Schunk (GER)
Foto: Herbert KrŠmer

In Bessungen ist Schunk keine Unbekannte. Die Turnierverantwortlichen zählen sie ausdrücklich zu den Spielerinnen, die „ihren Weg von Bessungen aus gegangen“ sind – neben Namen wie Laura Siegemund, Jule Niemeier oder Tamara Korpatsch. Sie trainiert am DTB-Bundesstützpunkt in Stuttgart-Stammheim, ist Teil des Porsche Talent Teams und wird von Yonex, Porsche und Adidas ausgerüstet.

In Darmstadt zeigte sie in diesem Jahr erneut, wozu sie fähig ist, wenn es passt. In der ersten Runde setzte sie sich im deutsch-deutschen Duell gegen Julia Stusek in zwei Sätzen durch, ehe im Viertelfinale mit Janicijevic die bislang größte Hürde wartete. Janicijevic war als Nummer eins der Setzliste angereist – erst wenige Wochen zuvor hatte sie in Haskovo einen W50-Titel geholt und galt in Darmstadt als klare Favoritin auf den Halbfinaleinzug.

Der erste Satz geriet zu einem echten Nervenkrimi. Kein einziges Break gelang, beide Spielerinnen behaupteten jedes eigene Aufschlagspiel. So ging es nach einem ausgeglichenen Spiel in den Tiebreak. Dort behielt Schunk die Nerven, sicherte sich ein 7:4 und damit den ersten Durchgang mit 7:6.

17.07.2026, Tennis International 2026, Darmstadt
German, Masters, Series, Damen
Selena Janicijevic (FRA)
Foto: Herbert KrŠmer

Im zweiten Satz übernahm Schunk zunehmend die Kontrolle. Mit einem Break zog sie auf 4:2 davon, in Bessungen keimte bereits die Hoffnung auf die Sensation. Doch Janicijevic schlug zurück und verkürzte per Rebreak auf 4:5 – lange sah alles nach der Wende zugunsten der Favoritin aus. Doch Schunk zeigte einmal mehr eine starke und konzentrierte Leistung. Bei Janicijevics Aufschlag zum Satzausgleich geriet diese schnell mit 0:40 in Rückstand, kämpfte sich zwar noch einmal heran, doch Schunk ging mit 40:30 in Führung und nutzte den Breakball zum verdienten 6:4-Satzgewinn – der Matchsieg war perfekt.

Die Statistik untermauert eindrucksvoll, was der Spielverlauf schon vermuten ließ: Der Sieg von Nastasja Schunk war kein glücklicher Ausrutscher, sondern in der Summe der Punkte sogar deutlicher, als es das knappe Satzergebnis vermuten lässt. Mit 80 zu 67 gewonnenen Punkten hatte Schunk am Ende ein klares Plus von 13 Zählern – ein Vorsprung, der bei einer derart engen Partie durchaus bemerkenswert ist und zeigt, dass sie über weite Strecken die konstantere Spielerin war.

Besonders auffällig ist die Return-Statistik. Auf Janicijevics ersten Aufschlag brachte Schunk 41 Prozent der Punkte auf ihr Konto (18/43), während die Französin im Gegenzug nur 22 Prozent gegen Schunks erste Aufschläge holte (11/48). Das ist ein enormer Unterschied und deutet darauf hin, dass Schunk die Aufschläge ihrer topgesetzten Gegnerin deutlich besser lesen und attackieren konnte als umgekehrt. Beim zweiten Aufschlag drehte sich das Bild interessanterweise um: Hier war Janicijevic mit 45 Prozent (10/22) die effizientere Rückschlägerin gegenüber Schunks 38 Prozent (13/34) – ein Hinweis darauf, dass Schunks zweiter Aufschlag phasenweise angreifbar blieb, sie diesen Nachteil aber über ihre starke Return-Quote auf den ersten Aufschlag mehr als wettmachte.

Bei den Breakbällen war Schunk die abgeklärtere Spielerin: zwei verwandelte Chancen gegen eine bei Janicijevic. Auffällig zudem: Janicijevic schlug drei Asse, Schunk keinen einzigen – ein Bereich, in dem die Französin ihre größere Reichweite und den druckvolleren ersten Aufschlag ausspielen konnte, ohne dass es am Ende den Ausschlag gab. Unterm Strich gewann Schunk nicht durch spektakuläre Big Points allein, sondern durch die konstantere Return-Leistung und kühlere Nervenstärke in den entscheidenden Momenten.

Für die deutsche Außenseiterin ist es ein Ergebnis, das zur Turnierweisheit passt, die man sich in Bessungen gerne erzählt: Wer hier aufschlägt, aus dem wird was. Angetrieben von ihrem Coach zeigte Schunk eine konzentrierte Leistung mit langen Bällen und Power-Tennis. Schunk steht damit im Halbfinale und trifft dort auf Francesca Curmi, die Vorjahresgewinnerin. Die Challenge geht weiter.

(spf)